Tabuthema Sex nach der Geburt

Wer mir auf Facebook oder Instagram folgt, der kennt ihn schon, den „Let’s talk about-Friday“. Jeden Freitag spreche ich dort ein Thema an, was ansonsten nicht auf den Tisch kommt. Sei es z.B. ungewollter Harnverlust, die Menstruation oder Sex nach der Geburt. Über das Thema Sex nach der Geburt möchte ich hier noch weiter schreiben, denn die sexuelle Gesundheit ist ein wichtiger Bestandteil des Lebens, die, wenn sie fehlt, große heimliche Leiden auslöst, die Partnerschaften belastet und stark die Lebensqualität verschlechtert.

Viele Frauen wissen nicht, dass sich ihre sexuelle Gesundheit nach der Geburt ändern kann, weil es niemand ausspricht! Noch weniger ist bekannt, wie frau sich helfen lassen kann, an wen soll ich mich wenden, fragen sich sicherlich viele. Das möchte ich als erstes auflösen 😉 Eine erste Anlaufstelle ist sicherlich die Hebamme, die in der Wochenbettbetreuung eine erste Ansprechpartnerin ist. Sie kann die Wundheilung der Geburtsverletzungen beurteilen und Tipps zur Unterstützung der Narbenheilung geben. Die Gynäkologin, die nach sechs Wochen die Nachsorgeuntersuchung macht, kann andere Dinge ausschließen, die Probleme bereiten könnten und bei Problemen durch Geburtsnarben oder anderweitige gewebliche Probleme an eine auf den Beckenboden spezialisierte Physiotherapeutinnen verweisen. Auch Sexualtherapeutinnen sind mögliche Ansprechpartnerinnen.

Als spezialisierte Physiotherapeutin arbeiten wir z.B. am Beckenboden, am verletzten Gewebe, an Geburtsnarben, um sie zu lösen, den Beckenboden zu entspannen oder zu stärken, etc., je nach Befund, um so die Ursachen der Probleme beim Sex zu beheben. Die Studienlage dazu ist dünn, wie so oft bei sehr individueller Behandlung, aber ein aktueller Review zeigt, dass Beckenbodentraining nach der Geburt sich positiv auf die sexuelle Gesundheit auswirkt. Ein positives Ergebnis vom Beckenbodentraining auch in der Schwangerschaft auf die sexuelle Gesundheit nach der Geburt lässt sich aus Ergebnissen vermuten (7). Es sind allerdings noch weitere, größere Studien nötig, um das zu bestätigen. Jetzt weist du schon einmal, dass es Hilfe gibt 🙂 Und das du auch in der Schwangerschaft schon mit Beckenbodentraining bei mir beginnen solltest 😉 (Studien weisen noch auf andere Vorteile des Beckenbodentrainings in der Schwangerschaft hin, dazu in einem anderen Post mehr).

Schon die ersten Studien, die ich lese, bestätigen den großen Bedarf (und auch großen Bedarf an weiterer Forschung!):
85,7% der Frauen haben laut einer Untersuchung von McDonald et al. (5) Schmerzen beim ersten Sex nach der Geburt. Hätte mir das jemand mal sagen können! Es gibt immer wieder Dinge, die sagt einem niemand, wenn man schwanger ist. Worauf man sich einlässt erst recht nicht 😉 Dieses Wissen darum möchte ich dir geben, denn es soll dir ermöglichen, es dir beim ersten Mal besonders schön zu machen, langsam angehen zu lassen, evtl. Hilfsmittel wie Gleitgel zu benutzen, deinen Partner mit aufzuklären, um Schmerzen von vorn herein besser umgehen zu können und bei länger andauernden Problemen, dir Hilfe holen zu können. Die gute Nachricht: Es wird besser!!! Alligood-Percoco, Kjerulff & Repke fanden heraus, dass die Häufigkeit von Problemen beim Sex je nach Studie zwischen 41% und 83% 2–3 Monate nach der Geburt und 20 % und 64% 6 Monate nach der Geburt liegt (1, 2, 3). Auch nach 18 Monaten nach der Geburt geben noch 22.6% der Frauen Probleme an (5). Probleme können dabei sein: vaginale Trockenheit, schmerzhaftes Eindringen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Schmerzen beim Orgasmus, vaginale Enge, vaginale Lockerheit, Blutungen oder Reizungen nach dem Sex oder Verlust des sexuellen Verlangens. Nur 15% der Frauen mit Problemen, suchen professionelle Hilfe (1). Deshalb möchte ich die Beteiligten im Gesundheitssystem: Gynäkologinnen, Physiotherapeutinnen, Hebammen ermutigen, einen einfühlsamen Weg zu finden und einen geschützten Raum dafür zu geben, solche Probleme anzusprechen! Probleme beim Sex treten deutlich häufiger auf, je größer die Geburtsverletzung war (bei 25% der Frauen mit keiner Verletzung oder Riss 1. Grades; 38% bei Riss 2. Grades; 53% bei Riss 3. oder 4. Grades). Auch Hilfsmitteln (Zange, Saugglocke), die bei der Geburt eingesetzt werden mussten, wird vermutlich (weitere Forschung nötig) ein negativer Effekt zugesprochen (3, 4). Außerdem wird die Rolle des Stillens diskutiert (2, 6), das durch die damit verbundene Hormonlage zu weniger sexueller Lust oder vaginaler Trockenheit und damit Schmerzen führen kann. Dazu möchte ich sagen, dass Stillen ganz klar empfohlen wird und einen großen gesundheitlichen und psychologischen Nutzen für Mutter und Kind hat. Aber, auch die andere Seite zu kennen ist wichtig, um damit umgehen zu können, falls es so sein sollte und auch den Partner aufzuklären.

Wenn du noch weiter Lesen möchtest, kann ich dir noch ein Buch empfehlen (es ist zwar auf englisch, aber gut zu lesen):
„Reviving Your Sex Life After Childbirth: Your Guide to Pain-free and Pleasurable Sex After the Baby“ von Kathe Wallace

Bitte traut euch, Hilfe anzunehmen! Bei Fragen, wendet euch gern an mich. Und liebe Kolleginnen, bitte findet einen Weg, die Probleme anzusprechen! Damit sage ich tschüss für heute, machts gut! 🙂

(1) G. Barrett, E. Pendry, J. Peacock, et al. Women’s sexual health after childbirth. BJOG An Int J Obstet Gynaecol, 107 (2000), pp. 186-195
(2) Gutzeit, O., Levy, G., & Lowenstein, L. (2019). Postpartum Female Sexual Function: Risk Factors for Postpartum Sexual Dysfunction. Sexual Medicine.
(3) L.B. Signorello, B.L. Harlow, A.K. Chekos, et al. Postpartum sexual functioning and its relationship to perineal trauma: A retrospective cohort study of primiparous women Am J Obstet Gynecol, 184 (2001), pp. 881-890
(4) Gommesen D, Nøhr E, Qvist N, et al. Obstetric perineal tears, sexual function and dyspareunia among primiparous women 12 months postpartum: a prospective cohort study. BMJ Open 2019.
(5) McDonald, E. A., Gartland, D., Small, R., & Brown, S. J. (2016). Frequency, severity and persistence of postnatal dyspareunia to 18 months post partum: A cohort study. Midwifery, 34, 15-20.
(6) O’Malley, D., Higgins, A., Begley, C., Daly, D., & Smith, V. (2018). Prevalence of and risk factors associated with sexual health issues in primiparous women at 6 and 12 months postpartum; a longitudinal prospective cohort study (the MAMMI study). BMC pregnancy and childbirth, 18(1), 196.
(7) Sobhgol, S. S., Priddis, H., Smith, C. A., & Dahlen, H. G. (2019). The effect of pelvic floor muscle exercise on female sexual function during pregnancy and postpartum: A systematic review. Sexual medicine reviews, 7(1), 13-28.

3 Gedanken zu “Tabuthema Sex nach der Geburt”

  1. Super gut auf den Punkt gebracht! Bin auch Physio und spreche das in meinen Rückbildungsgruppen immer an. Und jetzt hab ich – dank dir – Studien und Zahlen die das ganz klar wiedergeben! Vielen Dank!!!

  2. Sehr schön geschrieben. Bin ein „Mann“Physio, der sehr viel über dieses Thema mit den Frauen spreche. Ja es ist erschreckend, dass es immer noch ein Tabu ist darüber zu sprechen. Seit über 30 Jahren praktiziere ich und kann das geschriebene nur unterstützen.

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